27. Juni 2024
Kinder sind mehr als nur "unsere Zukunft"!
„Kinder sind unsere Zukunft“, heisst es. Dieser Satz ist gut gemeint, prägt aber noch viel zu stark den gesellschaftlichen und politischen Diskurs, wenn es um Kinder- und Jugendfragen geht. Kinder sind mehr als nur künftige Leistungsträger:innen – sie haben Rechte und Bedürfnisse, als Kinder. Sie haben das Recht, mitzureden und ihr Leben selbst mitzugestalten. Im Rahmen eines Projekts, das wir im Auftrag des Netzwerks Kinderrechte Schweiz schon zum zweiten Mal realisieren, wollen wir wissen, wie Kinder in der Schweiz ihre Rechte erleben und wo sie Herausforderungen wahrnehmen.
©Stiftung Kinderdorf Pestalozzi
Mobbing von Klassenkamerad:innen, die Tabuisierung von Gewalt oder die fehlende Privatsphäre in Asylunterkünften – dies sind nur einige der zahlreichen Themen, die Kinder und Jugendliche im Rahmen des Vorgängerprojekts beschäftigt haben. Das Netzwerk hat sie dabei unterstützt, ihre Anliegen in das Berichtsverfahren zur UNO-Kinderrechtskonvention einzubringen.
Die Schweiz muss dem dem UNO-Kinderrechtsausschuss alle fünf Jahre berichten, wie sie die Kinderrechte umsetzt. Welche Gesetze wurden verändert oder neu erlassen, welche Programme lanciert und welche Massnahmen ergriffen zur Verbesserung der Kinderrechtssituation in der Schweiz? Dieses Berichtsverfahren erstreckt sich jeweils über mehrere Jahre und basiert auf zahlreichen Berichten und Hearings. Im Kern geht es dabei stets um die Frage, wie unsere Gesellschaft mit Kindern und Jugendlichen umgeht – wie wir sie schützen, fördern und beteiligen – und was es braucht, damit wir ihren Rechten und Bedürfnissen gerecht werden.
Um Antworten auf diese Fragen zu finden, hat das Netzwerk schon beim letzten Verfahren entschieden, Kinder und Jugendliche selbst in die Berichterstattung miteinzubeziehen. Denn Kinder haben das Recht, sich zu beteiligen und damit ihr Leben und ihre Lebensumstände mitzugestalten. „Jugendliche haben gute Ideen und müssen unbedingt dort mitsprechen, wo es sie direkt betrifft“, so einer der Jugendlichen, der am letzten Projekt mitgewirkt hat. Dies trifft es sehr genau, denn Kinder sind die Expert:innen ihrer eigenen Lebensumstände. Sie wissen am besten Bescheid über ihre Anliegen und Wünsche, aber auch über ihre Probleme und Herausforderungen. Es ist nichts als folgerichtig, sie in staatliche Verfahren, die sie betreffen, einzubeziehen, erst recht in jenes zur UNO-Kinderrechtskonvention.
Meinungen brauchen Resonanz
Doch wie kann Partizipation von Kindern und Jugendlichen an der Berichterstattung zuhanden des UNO-Kinderrechtsausschuss gelingen? Genau dieser Herausforderung will sich das Netzwerk Kinderrechte Schweiz stellen. So durften wir für das Netzwerk ein entsprechendes Projekt konzipieren und lancieren.
Ausschlaggebend war dabei, Mitgliederorganisationen des Netzwerks als Partner für das Projekt gewinnen zu können. Denn das Projekt will mehrere hundert Kinder aus allen Sprachregionen erreichen. Und es legt einen Fokus auf Gruppen von Kindern, für die es besonders schwierig ist, ihrer Meinung Gehör zu verschaffen: Dazu zählen Kinder in Asylzentren, Kinder, die nicht bei ihren Eltern aufwachsen, Kinder mit einer Behinderung und Kinder, die von Armut betroffen sind. Hier arbeiten wir mit spezialisierten Mitgliederorganisationen des Netzwerks zusammen, die in ihren jeweiligen Arbeitsgebieten Workshops mit Kindern durchführen. Bei der Workshopkonzeption unterstützt uns ein Team des Instituts für Soziale Räume und Arbeit der OST – Ostschweizer Fachhochschule.
Damit Partizipation gelingt, brauchen Kinder vor allem zweierlei: einen sicheren Raum und Zeit, um ihre Meinung zu äussern, und sie sollen dabei angemessen unterstützt werden. Es braucht aber auch eine Zuhörerschaft für diese Meinungen und: Den Meinungen sollen Taten folgen. Diese Elemente waren für die Projektkonzeption handlungsleitend: In den zahlreichen Workshops der Partnerorganisationen arbeiten Kinder und Jugendliche zu den Fragen, welche Rechte ihnen wichtig sind und wo sie Problemen und Herausforderungen in der Umsetzung der Kinderrechte in der Schweiz begegnen. Die Ergebnisse arbeiten wir anschliessend in Form eines Berichts auf, den wir beim UNO-Kinderrechtsausschuss einreichen. Damit stellen wir sicher, dass die Stimme der Kinder in das Verfahren zur Überprüfung der Kinderrechtssituation in der Schweiz einfliessen und ernst genommen werden.
Dialog mit dem UNO-Kinderrechtsausschuss
Kinder verschaffen sich aber nicht nur in Form eines Berichts Gehör – sie sollen sich auch direkt mit dem UNO-Kinderrechtsausschuss austauschen. Im Rahmen des Projekts wollen wir erneut eine Gruppe Kinder und Jugendlicher an ein Hearing mit dem UNO-Kinderrechtsausschuss in Genf begleiten. Mit einem UNO-Gremium in Dialog treten, das war im letzten Projekt ein grosser Moment für die beteiligten Kinder und Jugendlichen. Und eine wichtige Informationsquelle für den Ausschuss: Wie steht es um die Kinderrechtsbildung in der Schweiz? Fühlen sich Kinder genügend gehört und nimmt die Politik ihre Anliegen betreffend Klimawandel ernst? Diese und weitere Fragen standen im Fokus des Dialogs.
Nun stehen wir mitten in der Umsetzung des Folgeprojekts und sind gespannt, welche Themen Kinder und Jugendliche in der Schweiz aktuell beschäftigen.
Mehr zum Projekt „Kinder partizipieren zu Recht“
Rahel Wartenweiler